„Eine Gesellschaft, die auf Kunst und Kultur verzichtet, ist nicht überlebensfähig.“

Martina Zöllner, Thekla von Dombois und Kerstin Schöneweiß über die Jugendarbeit des Jazzclubs Hürth

Ein zentrales Anliegen des Jazzclubs Hürth ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Anlässlich der 23. Hürther Jazznacht lud der Verein im Albert-Schweitzer-Gymnasium und dem Ernst-Mach-Gymnasium interessierte Schüler zu Vorträgen mit Arne Reimer ein. Der Fotograf und Journalist ist Autor zweier Bildbände, die in Zusammenarbeit mit der renommierten Zeitschrift «Jazz thing» unter dem Titel «American Jazz Heroes» erschienen. In seinen Vorträgen erzählte er aus den Biografien wichtiger Jazzheroen und gab anschauliche Erläuterungen zur Musik des Jazz. Im Anschluss sprach der Jazzclub mit Martina Zöllner, Musiklehrerin am Albert-Schweitzer-Gymnasium (ASG), sowie Thekla von Dombois und Kerstin Schöneweiß vom Ernst-Mach-Gymnasium (EMG).

Welche Rolle spielen Kunst und Musik heute noch Schulalltag?

Zöllner: Eine unterschätzte! Sie gelten als weiche Fächer, die für die Gesellschaft weniger nützlich sind als Naturwissenschaften. Auch unsere Schüler messen die Unterrichtsinhalte daran, was ihnen im späteren Berufsleben nützlich sein könnte. Dabei übersehen sie, dass ihr späteres Leben nicht nur aus Beruf bestehen wird, sondern dass es auch darum gehen wird, Freizeit sinnvoll zu gestalten und neue Energien für das Arbeitsleben zu tanken. Eine Gesellschaft, die auf Kunst und Kultur verzichtet, ist meiner Meinung nach nicht überlebensfähig. In unserer Schule legen wir in den Klassen 5 und 6 einen Schwerpunkt auf das praktische Musizieren und teilen den Unterricht in eine Gesangsklasse, eine Bläserklasse und eine Keyboard-Klasse auf. Das unterscheidet uns von anderen Schulen.

Von Dombois: In Zeiten von MINT und bilingualen Profilklassen scheinen die musischen Fächer an den Rand gedrängt zu werden. In der Mittelstufe werden Musik und Kunst alternierend jeweils nur ein Halbjahr gegeben. Am EMG sind wir aber der Überzeugung, dass eine intensive Beschäftigung mit Kultur wertvoll und essentiell für die Persönlichkeitsbildung ist. Dies versuchen wir praktisch so umzusetzen, dass wir unter anderem mit unseren Schülerinnen und Schülern regelmäßig Konzertangebote wahrnehmen. Diese reichen – ganz naheliegend – vom Jazzclub Hürth bis hin zu den Angeboten der großen Konzertsäle in Köln oder Bonn.

Wie wichtig ist Jazz im Musikunterricht?

Schöneweiß: Unsere Schüler sollen die zeitliche und geografische Vielfalt von Musik kennenlernen. Sie begegnen also im Musikunterricht neben klassischer Musik selbstverständlich auch Jazz, Pop- Rockmusik oder Schlagern sowie Musik verschiedener Kulturen. Jazzmusik fließt unserem schulinternen Curriculum gemäß in verschiedenste Unterrichtsreihen ein.

Zöllner: Eine komplexe Auseinandersetzung etwa mit den Stilepochen des Jazz ist sicher zu Recht auf die Oberstufe beschränkt. Die Anforderungen, die Jazz an einen Hörer stellt, sind genauso hoch wie bei der Klassik. Für die popgewöhnten Schülerohren ist beides gleich weit weg.

Wie kam es zur Zusammenarbeit Ihrer Schule mit dem Jazzclub?

Zöllner: 2015 bot uns der Jazzclub einen Workshop mit dem Klezmer-Klarinettisten Helmut Eisel an. Mit Schülern, die ein Instrument spielen, bereiteten wir im Vorfeld zwei Klezmer-Stücke vor. Im Workshop brachte Eisler durch seine charismatische Persönlichkeit auch Schüler zum Improvisieren, die darin keine Erfahrung hatten. Ich glaube, dass gerade der Aspekt der Improvisation, der für den Jazz so wichtig ist, für einen praxisorientierten Musikunterricht viel Potential bietet. Die Aufführung der Stücke beim abendlichen Konzert im Jazzclub war dann ein Riesenerfolg. Auch der diesjährige Besuch des Autors und Fotografen Arne Reimer, der sein Buch über amerikanische Jazz-Legenden vorstellte, war ein Erlebnis für unsere Schüler, die sich im Vorfeld überraschend intensiv mit der Materie auseinandersetzten.

Von Dombois: Die erste Kontaktaufnahme zu uns erfolgte durch Kurt Schürmann, der selbst Enkel am EMG hat. Er informierte uns über die Tätigkeiten des Jazzclubs Hürth, vermittelte Jazzmusiker in unseren Musikunterricht und lud zu Konzerten ein. Auch der Vorsitzende des Jazzclubs, Günter Reiners, pflegt den Kontakt zu unserem Gymnasium, worüber wir uns sehr freuen. Wir erinnern uns gerne an den Workshop mit «Lines for Ladies», als zusammen mit der Saxophonistin und Jazzsängerin Sabine Kühlich auch Sheila Jordan aus den USA zu uns ans EMG kam. Die Schülerinnen und Schüler waren sehr angetan und beeindruckt. Wir setzen uns zumeist mit dem Gast im Vorfeld auseinander und bereiten Fragen vor. Außerdem gibt es Vorgespräche der Lehrkraft mit dem jeweiligen Gast.

Was nehmen die Schüler etwas aus den Workshops mit?

Zöllner: Das ist unterschiedlich. Es hängt von den Vorerfahrungen der Schüler und natürlich von den Musiklehrern ab: Je mehr man als Lehrer selbst für eine Sache brennt und je praxisorientierter ein Workshop angelegt ist, desto mehr bleibt bei den Schülern hängen. Arne Reimers, der selbst Schlagzeug spielt, würzte seinen Vortrag mit zahlreichen Hörbeispielen, Fotos und praktischen Beispielen auf dem Drumset. Trotzdem bedeutete das 90-minütige Stillsitzen für einige Schüler schon eine gewisse Herausforderung.

Schöneweiß: Unsere Schüler lassen sich gerne auf persönliche Begegnungen mit Menschen ein, die sich intensiv mit Musik auseinandersetzen. Die Jugendlichen waren von Arne Reimers Besuch beeindruckt und folgten mit Interesse seinem abwechslungsreichen Vortrag über die Jazzgeschichte. Das war ein ganz anderer Zugang als es durch Medienwiedergabe möglich wäre. Inwieweit sich die neuen Impulse dann beim einzelnen Schüler weiter entwickeln, können wir nicht beeinflussen.

Was halten Sie von dem Engagement des Jazzclubs für die junge Generation?

Von Dombois: Das Engagement des Jazzclubs ist durchweg sehr zu begrüßen und wir sind dankbar, dass wir in Hürth nicht weit fahren müssen, um guten Jazz zu hören! In einer Zeit, in der wir alle mit einem medialen Überangebot konfrontiert sind, scheint es sehr wichtig, bei der Auswahl zu helfen und Qualitätsmerkmale an die Hand zu geben. Ein weiterer Aspekt: Das Live-Erlebnis ist nicht zu ersetzen. Dies findet sich in vielen Rückmeldungen unserer Schüler wieder, dass das Konzerterlebnis selbst tief beeindruckend war und ist.

Private Initiativen wie der Jazzclub Hürth sind sehr willkommen und von großer Bedeutung nicht nur für Schüler, sondern auch für uns Lehrende. Kurz gesagt, wir hoffen auf eine Fortsetzung der bisherigen guten Zusammenarbeit und insbesondere auf weitere Workshops mit interessanten Jazzgrößen, die die Jugendlichen inspirieren und prägen.

Zöllner: Dem kann ich mich anschließen. Ich finde das Engagement des Jazzclubs absolut super und habe den Eindruck, dass die Leute, die dieses Projekt tragen, wirklich von reinem Idealismus und absoluter Begeisterung für den Jazz getragen werden. Der Gedanke dahinter ist: Eine so tolle Musik darf nicht untergehen und sollte auch von der nächsten Generation noch mit Genuss gehört werden können. Angesichts des überalterten Publikums frage ich mich oft, woher eigentlich die vielen jungen Musiker kommen. Ich glaube tatsächlich, dass es ohne die vielen privaten Initiativen und ohne die hervorragende Arbeit an den Musikschulen nicht so viele gut ausgebildete Musiker geben würde.

http://www.jazzclub-huerth.de/

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