„Die Rosenkränze, die wir gebetet haben, kann man nicht mehr zählen.“

Sie war ein Kind, als der zweite Weltkrieg ausbrach. Heute teilt sie ihre Gefühle aus der Zeit des Grauens mit einer zwölften Klasse. Eine Reise in die Vergangenheit in der dritten Schulstunde eines Montagmorgens. Als ich den Raum meines bilingualen Geschichtsunterrichts betrete, sitzt die Großmutter einer Klassenkameradin bereits zwischen Tafel und Pult auf einem der typischen Schulstühle. Neben ihr sitzt meine Mitschülerin, in der ersten Reihe ihre Tochter und eine weitere Enkelin.

Frau Nellessen, so lautet der Name der Zeitzeugin, sitzt still im Klassenraum und lässt ihren Blick ebenso über die Schüler und Schülerinnen wandern wie diese über sie. Auch ich beäuge die Besucherin, sehe ihren blauen Pullover, ihre schwarze 3/4 Hose, die glänzenden Schuhe, die Brille auf ihrer Nase und ihre Kette. Sie wirkt gesammelt, nur kleine Handbewegungen und das wiederholte Blickschweifen deuten auf eine leichte Nervosität hin. Ich stelle mir vor, wie nervös ich sein würde, wäre ich in ihrer Situation und komme zu dem Schluss, dass ich es mir nicht vorstellen kann. Von dem, was ich theoretisch im Unterricht über das Zeitalter des zweiten Weltkriegs in Deutschland gelernt habe, müsste die Frau panisch sein, in diese Zeit gedanklich zurückzukehren und sei es nur für 45 Minuten, in einem sicheren Raum, viele Jahre später.

Frau Kalter, meine Geschichtslehrerin, begrüßt die Frau, die 1928 geboren ist und 11 Jahre alt gewesen sein muss, als der Krieg ausbrach. Nun soll die Zeit beginnen, die Fragen zu stellen, die wir letzte Stunde als Vorbereitung gesammelt hatten. Doch der muffig riechende Schulraum bleibt still, nur Frau Kalter lacht darüber, wie wir Schüler sonst nicht so schüchtern und still sind. Auch Frau Nellessen muss leicht schmunzeln und legt die Hände vor sich auf das Pult. Zaghaft wird nach einigen Sekunden fast schon peinlicher Stille die erste Hand gehoben: „Wie hat man vor dem Krieg gemerkt, dass sich was verändert, und was war der erste Gedanke, als der Krieg ausgebrochen ist?“, ertönt es aus dem Klassenraum und Frau Nellessen beginnt zu erzählen. Sie berichtet davon wie am Anfang alles noch ganz normal war, wie sie in die Schule ging und die christlichen Kreuze hängen blieben, davon wie die Kreuze gegen Hakenkreuze ausgetauscht wurden, davon wie Ende 1938 jüdische Mädchen aus ihrer Klasse „abgeholt“ wurden. Erschreckend detailliert erinnert sie sich an das Ereignis, welches sich in ihrem 10. Lebensjahr ereignete, wie morgens noch alles „normal“ war, bis zwei Zivilisten und ein SA-Mann den Unterricht unterbrachen. „Ihr müsst jetzt mitgehen“, zitiert sie den damals formulierten Befehl, erzählt, wie keiner wusste, warum sie denn gehen mussten, sie wussten zwar, dass alle diese Mädchen jüdisch waren, doch in welcher Welt ist das ein Grund für irgendetwas?

Es war eine andere Zeit, eine andere Situation, so Nellessen, es traute sich keiner zu fragen. Die Mädchen gingen mit und sie erfuhren nie, wohin denn eigentlich. Auf die Frage nach Namen sagt sie, dass sie noch wüsste, dass es Zwillinge und ein anderes Mädchen waren, eine hieß Edith. Nun ist der Raum komplett verstummt, wir hängen an ihren Lippen, der Name macht das Geschehene und das, was höchstwahrscheinlich danach folgte, so viel realer. Im Nachhinein wäre ihr aufgefallen, erzählt die Frau, die in Gedanken versunken vor uns sitzt und an ihrem Leben teilhaben lässt, wie ein Mädchen schon das Jahr vorher mit ihren Eltern nach England gegangen wäre. Jetzt wäre ihr klar warum, damals wusste sie von nichts.

Als wäre das Eis gebrochen kommen mehr und mehr Fragen: „Wie hat sich die Schule verändert?“, „Waren sie im BDM?“, „Wie war das Gefühl beim Erfahren von Hitlers Suizid?“, wird sich erkundigt und Frau Nellessen teilt ihre Erfahrungen, teilt sie auf eine ruhige Art, während sie leichte Handgesten benutzt und ab und an zum Fenster herausschaut. Ist gerade eine Redepause, die jungen Erwachsenen sind besonders schockiert von einer Geschichte oder suchen nach der richtigen nächsten Frage, welche wichtig genug für unsere kurze Schulstunde scheint, so wirkt Frau Nellessen manchmal so, als wäre sie weit weg und die Luft um sie herum wirkt schwer.

Auch auf die schwerwiegenden Fragen: „Kannten sie Juden, die deportiert wurden?“ oder „Wie hat sich ihre Familie verändert?“ , antwortet sie, scheinbar ruhig und gefasst. Nur ab und an geht ihr Blick Richtung Boden und die Belastung der Erinnerung wird greifbar. So erzählt sie von der Angst vor dem Verratenwerden, dass es in Rheinbach, wo sie gewohnt hat, viele jüdische Geschäfte gab, an die fünf Metzgereien und ein Textilgeschäft, wie ab 1938 Schilder und Beschmierungen an diesen zu finden waren: „Deutsche gehen hier nicht hin!“, zitiert sie einen der zahllosen Sprüche. Wie Leute am Anfang noch durch Gärten an die Hintereingänge der Geschäfte liefen, es jedoch eine Frau gab, die immer am Fenster stand und einen Laden beobachtete, bei dem auch ihre Familie zu Beginn noch kaufte und diese dann meldete, bis keiner mehr dorthin ging.

Sie berichtet davon, wie präsent die Angst vor den eigenen Familienmitgliedern war, wie jeder ein Spitzel sein und jeder einen verraten könnte und höchstwahrscheinlich würde, sollte man ein falsches Wort aussprechen oder eine der unzähligen Vorschriften brechen. Die Themen werden ernster und ernster, die Fragen tieferbohrend und mutiger, die Geschichten trauriger und bedrückender. Wir Schüler werden, ich werde betroffener und betroffener. Diese Betroffenheit vertieft sich als die kleine Frau, die ich mir gut als liebevolle Großmutter vorstellen kann, davon erzählt, wie sie das Jahr 1945 quasi nur im Keller verbracht hat, wie man sich abends schon gar nicht mehr richtig auszog, dann, sobald die Sirene kam, immer drei Häuser weiter in den Keller gelaufen ist „damit man nicht alleine ist“, und nur gebetet hat, dass es vorbeigeht. „Die Rosenkränze, die wir gebetet haben, kann man gar nicht mehr zählen“, sagt sie, den Blick auf den Boden gerichtet und ich kann fühlen, wie ich eine Gänsehaut bekomme. Die Angst, die das damals 17jährige Mädchen gefühlt haben muss, ist unvorstellbar und plötzlich wird mir bewusst, wie ich selbst vor wenigen Wochen erst 18 geworden bin, welches Glück ich habe mit der Zeit, in der ich lebe, welches Glück die meisten, die auf dieser Welt leben, haben, und wie schrecklich es ist, dass das von Frau Nellessen Erzählte noch heute auf der Welt geschieht.

Es kommt die Frage nach ihrer schlimmsten Erinnerung und die Frau, deren Augen nun solche Tiefe zu haben scheinen, in denen solche Abgründe leben, berichtet, ohne dass ihre Stimme bricht, von Bombenangriffen an Silvester, von Internaten, die in Feldlazarette umgebaut wurden, von Familienmitgliedern, die drei Tage unter den Bombentrümmern begraben waren und vom 5. März, einen Tag bevor die US-Soldaten Rheinbach besetzen, dem „Tag des großen Angriffs“, so Nellessen, nachdem ein Soldat in den Bunker kam, sechs Wochen alte Zwillinge im Arm, mit der Nachricht, dass alle tot seien, nur die beiden Kinder hätten überlebt. Sie erzählt, wie jeder einen Volksempfänger hatte, ausländische Sender verboten waren und wie ihre Mutter abends auf einem Stuhl stand, mit dem Ohr am Lautsprecher, der auf ganz leise gestellt war und die BBC hörte, das Gefühl der Angst vor dem Entdecktwerden, ebenso präsent wie das der Hoffnung, dass man durch die Nachrichten schon vor der Sirene von den Bombern wusste und in den Keller flüchten konnte.

Der Raum, der jetzt bis auf die nicht versagende Stimme der Zeitzeugin in einer Stille liegt, wie sie sonst nicht in Klassenräumen zu finden ist, wird gefüllt mit Bildern vom Verdunkeln von Fenstern mit allem Auffindbaren, damit die Flieger die kleine Stadt nicht entdecken konnten, davon wie Leute Kontrolle liefen, damit kein Lichtstrahl mehr nach draußen drang, davon wie groß die Angst war. Es werden weniger Fragen gestellt, Frau Nellessen scheint in Erinnerungen verfallen und erzählt immer weiter von heute, von, zumindest hier in Deutschland für viele, unvorstellbaren Gefühlen und Ereignissen. Doch immer, wenn die Geschichten enden, folgen neue Fragen.

So richtet sich die Aufmerksamkeit, als unsere Zeit in die Vergangenheit schon fast um ist, auf die Nachkriegszeit. Als der Krieg dann tatsächlich zu Ende war, da hatte sie Angst, beschreibt sie. Angst vor den Amerikanern, denn wenn die kommen, hieß es, wenn die kommen, vergewaltigen sie Mädchen. Und so schildert sie, wie sie mit fünf bis sechs anderen Mädchen auf Kartoffelberge gelegt und zugedeckt wurde, wann immer die Amerikaner kamen. Die Ängste, die Todesängste, unter denen die damals junge Frau gelitten haben muss, ist erschreckend auf eine Art, die Worte nicht einfangen können. Sie erzählt, wie die Amerikaner aber eigentlich ganz nett waren, wie die zwar „Maschinenpistolen“ hatten, aber immer nur nach jungen Männern gefragt hätten.

Auf die Frage, wie lange es gedauert hätte, bis nach dem Krieg alles wieder „normal“ wurde, muss Frau Nellessen lachen. „Lange, lange Jahre“, antwortet sie und ich frage mich, ob nach solchen Erfahrungen überhaupt jemals irgendetwas wieder auch nur ansatzweise normal werden kann. Wie um die Stunde zu beenden, kommen wir auf die heutige Politik zu sprechen. „Was halten Sie von der AfD bzw. anderen rechten Bewegungen? Wie finden sie es, dass diese an Macht gewinnen?“, wird sich erkundigt. „Ich kann es nicht verstehen“, so Nellessen. Sie muss lächeln, als sie berichtet, wie sie am Morgen gehört hat, dass die AfD zwei Punkte verloren hat. Ich lächle kurz, wie um ihr zuzustimmen, dass es gut ist, dass die AfD weniger Zuspruch hat. Doch eigentlich bin ich viel zu bedrückt, dass die AfD, nach allem was geschehen ist, was Frau Nellessen passiert ist und wir heute gehört haben, überhaupt noch eine Chance hat, dass es überhaupt noch Menschen gibt, welche diese wählen.

Frau Kalter beendet die Schulstunde, in welcher ich so viel mehr gelernt habe als in jeder Textbuchpaukenstunde. Es werden Höflichkeiten ausgetauscht und ganz wie am Anfang dieser vierten Stunde eines Montagmorgens fühlen sie sich nicht passend für das Gravierende, das Persönliche an, welches heute mit uns geteilt wurde. Nach der Überreichung eines Blumenstraußes, der unserer Dankbarkeit nicht gerecht wird und als die ersten den Raum schon verlassen und ich meine Sachen zu packen beginne, sagt die kleine Frau mit den vielen, unglaublich detaillierten Erinnerungen aus einer solch schweren Zeit: „Ich wünsche nur allen, dass sie es nie erleben müssen.“ Und als ich Minuten später in die heutige Welt, inmitten von lachenden Fünft-und Sechstklässlern, eintauche, kann ich nicht anders, als genau dies zu hoffen, unabhängig von Rasse, Religion oder jeglicher anderer Merkmale.

Lea Dinsing, Q2
Albert-Schweitzer-Gymnasium Hürth

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